Sanfter Tourismus: Aus der Not eine Tugend machen

Während der sanfte Tourismus für bestehende Boom-Regionen keine Alternative sein kann, bietet er in geschützten Gegenden durchaus Chancen.

Die Vorstellung, aus touristischen Boom-Regionen des Landes Destinationen für sanften Tourismus zu machen, ist so unrealistisch wie naiv-romantisch und das hat gute Gründe. „Wenn sie in Mayrhofen versuchen, mit dem sanften Tourismus die Betten zu füllen, werden sie zu 99,9 Prozent Schiffbruch erleiden, weil sie mit sanftem Tourismus die Betten nicht in dem Ausmaß belegen können”, stellt Tourismusobmann Franz Hörl fest.

Es sind relativ simple Rechnungen, mit denen das hypothetische Ausmaß der immer mal wiederkehrenden, meist in urbanem Umfeld geborenen Forderung nach einer „Versanftung” des Tourismus dargestellt werden kann. Berge ohne Pisten, Lift- oder Beschneiungsanlagen sind oft Teil des romantischen Bildes. Und das bekommt rasch einen großen Riss, werden die Investitionen betrachtet, mit denen allein die Seilbahnwirtschaft eine Wertschöpfungskette auch jenseits des direkten touristischen Outputs ölt. Seit 2010 haben die Tiroler Seilbahnen rund 1,7 Mrd. Euro investiert, in der Wintersaison 2015/2016 waren es 334,8 Mio. und es sind nicht die schönen Berge allein, die dazu führen, dass im Tiroler Bergwinter bis zu 26 Mio. Nächtigungen gezählt werden können. Über 45 sind es in einem ganzen Tourismusjahr.

Wenn sie in Mayrhofen versuchen, mit dem sanften Tourismus Betten zu füllen, werden sie Schiffbruch erleiden.”

Franz Hörl

„Wenn ein kleineres Tal drei Mio. Nächtigungen macht, dann nützt der sanfte Tourismus als Hauptwirtschaftsform überhaupt nichts, weil ich damit nur ein paar hunderttausend Nächtigungen lukrieren kann”, ist Hörl realistisch und sieht Chancen für sanfte Formen eher in Gegenden, die mit modernen Anlagen nicht erschließbar oder geschützt sind. Ginzling, das Bergsteigerdorf im Naturpark Zillertaler Alpen, ist so ein Gebiet, in dem der sanfte Tourismus etwa mit bizarren Höhenwanderwegen oder Herausforderungen für Sportkletterer funktioniert. Das Dorf ist eine Art Pilotprojekt für nachhaltigen Tourismus und die Statistik, die 1993 mit knapp 45.000 Nächtigungen die absolute Spitze aufwies, zeigt die „natürlichen” Wertschöpfungsgrenzen. Mehr geht nicht. Weiter im Westen Österreichs hat sich das Große Walsertal (V) der Nachhaltigkeit rund um den UNESCO-Biospärenpark verschrieben und Ende Mai 2016 hielt Regio-Obmann Josef Türtscher fest, dass der sanfte Tourismus im Großen Walsertal weniger das Ergebnis einer freiwilligen Entscheidung, sondern die Folge von landschaftlichen Gegebenheiten gewesen sei. „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht.” Ein Motto, das auf Umwegen auch in Osttirol Wirkung zeigen könnte.

Mehr als nur schöne Bilder

Tourismusobmann Franz Hörl hat sich schon in der Vergangenheit intensiv mit den Naturpark-Gemeinden Österreichs auseinandergesetzt und herausgefunden, dass die Nächtigungszahlen etwa nach Gründung des Nationalparks Hohe Tauern (1981) in den betroffenen Orten in Kärnten, Salzburg und Osttirol teils dramatisch gesunken waren. Während in Kärnten und Salzburg mit Initiativen, Projekten und Produkten das Blatt unter dem Slogan „nicht nur schützen, sondern auch nützen” gedreht werden konnte, hinkte Osttirol hinterher. Die positive Nächtigungsentwicklung in den Nationalpark-Gemeinden wird auf die Auswirkungen der Schischaukel Kals-Matrei zurückgeführt. Der Nationalpark selbst wurde bislang kaum genützt. Das soll sich ändern.

2016 wurde auf Initiative LH Günther Platters eine Marketingleitung für den Nationalpark Hohe Tauern ausgeschrieben und im April 2016 fiel die Wahl auf Sandra Gutternig. „Unsere zentrale Forderung ist, dass verkaufbare Produkte mit den Betrieben vor Ort entwickelt werden. Schöne Bilder haben wir schon genug”, sagt WK-Bezirksstellenleiter Reinhard Lobenwein. „Auch sanfter Tourismus muss auf hohem Niveau stattfinden”, verweist Hörl auf die Notwendigkeit eines professionellen Managements. Und Sandra Gutternig? „Wir erarbeiten gerade die strategische Grundausrichtung”, sagt sie. Die Herausforderungen sind groß. Die Chancen sind’s auch.

Diesen Post teilen
X

Ihre Anmeldung für aktuelle Tiroler Wirtschaftsnews – Fast geschafft!

Bitte überprüfen Sie Ihren E-Mail-Eingang. Sie erhalten in Kürze unter der angegebenen E-Mail-Adresse eine Nachricht mit einem Bestätigungslink.
Ein Klick auf den Bestätigungslink schließt die Anmeldung ab.

Sehen Sie gegebenenfalls unter „Werbung“ oder „Spamverdacht“ nach, sollten Sie die E-Mail nicht in Ihrem normalen Posteingang finden.

Jetzt Newsletter abonnieren und regelmäßig personalisierte Tiroler Wirtschaftsnews erhalten!
(Ihre Daten werden vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben)

Bitte warten, Sie werden angemeldet!
Bitte füllen Sie alle Felder aus!