Investitionen in Tirol: Von Leuchttürmen und dem Damoklesschwert

wirtschaft.tirol REPORTAGE

Jüngste Großinvestitionen erfolgreicher Tiroler Unternehmen halten den so zerbrechlich gewordenen Glauben in den Wirtschaftsstandort aufrecht. Die langfristigen Folgen der allgemeinen Investitionsschwäche bilden jedoch ein Damoklesschwert, das zunehmend schärfer wird. Schärfer und gefährlicher.

Sie sind weit mehr als Strohfeuer. Natürlich sind sie das. Die jüngsten Großinvestitionen in Tirol als Leuchtfeuer oder Leuchttürme zu bezeichnen passt schon eher, doch haben es Leuchttürme eben so an sich, dass sie alleine stehen, selbst wenn sie ein so hoffnungsfrohes Signal in raue Umgebungen senden. „Diese Großinvestitionen – bei Sandoz etwa, Plansee oder Swarovski – sind positive Ausreißer“, weiß Oswald Wolkenstein, Geschäftsführer der Sparte Industrie in der Wirtschaftskammer Tirol.

Auch weniger global agierende Unternehmen fallen hier auf. Die großen Tiroler Autohäuser etwa investieren kräftig. Die Holz verarbeitende Theurl-Gruppe in Thal-Assling hat in den vergangenen Jahren rund 14 Millionen Euro investiert und weitere sieben Millionen stehen auf dem Plan. Ebenfalls in Osttirol sticht das Südtiroler Unternehmen Loacker mit mehrfach „leckeren“ Investitionen in Höhe von 70 Millionen Euro heraus. Zwischen 250 und 300 Millionen Euro sind es, welche die Tiroler Seilbahnwirtschaft in neue und qualitativ hochwertigere Bahnen investiert. Und laut dem Mittelstandsbarometer des Wirtschaftsberaters EY (Ernst & Young) planen Tiroler KMU heuer, mehr Geld in Ausrüstung, Maschinen und Bauten zu investieren.

Loacker investierte am Standort Heinfels

70 Millionen Euro investierte Loacker in den Ausbau des Produktionsstandortes Heinfels in Osttirol. Bild: Loacker

Innovation top, Investition flop

Es tut sich viel. Und doch: Was in wirtschaftlich „runden“ Zeiten normal ist, wurde in den vergangenen Jahren, Jahren in denen nicht nur das globale Umfeld, sondern auch die hausgemachten Rahmenbedingungen einengender geworden sind, zu einer Ausnahme.
Zu den die ökonomische Tristesse in fast schon ermüdender Konsequenz bestätigenden Rankings, zählt etwa der Anfang März 2016 veröffentlichte Deloitte-Radar, laut dem sich die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes weiter im Abwärtstrend bewegt.

Für den ernüchternden Befund wichtige Faktoren sind Innovation und Investitionen und selbst wenn sich die Innovationstendenz verbessert hat, hinkt ihr so entscheidender Kompagnon hinterher. Trotz niedriger Zinsen war das Investitionsvolumen 2015 bundesweit zum dritten Mal in Folge rückläufig und das Top Tirol Konjunkturbarometer der WK Tirol lieferte Anfang des Jahres keinen Grund, sich zurück zu lehnen. „29 Prozent der befragten Tiroler Betriebe werden in den nächsten sechs Monaten ihre Investitionen zurückfahren, nur 19 Prozent planen mehr zu investieren als zuletzt“, hatte WK-Direktorin Evelyn Geiger-Anker die Aussichten Mitte Jänner 2016 zusammengefasst.

Milliardenschwerer Wachstumsmarkt

Innovation und Investition. Der Mix muss passen und dieser Mix passte offenkundig, als sich die Sandoz-Gruppe dazu entschloss, 150 Millionen Euro in die Tiroler Niederlassung in Schaftenau zu investieren. „In den nächsten fünf Jahren werden Biopharmazeutika mit einem Marktvolumen von 100 Milliarden US-Dollar patentfrei. Mit der Investition in Höhe von 150 Millionen Euro für das BioInject-Gebäude und mit der Schaffung von 100 hochqualifizierten Arbeitsplätzen zeigt Sandoz sein starkes Commitment sowohl zum Wachstumsmarkt Biosimilars als auch zum Standort Kundl/Schaftenau“, hält Ard van der Meij, Chef von Sandoz Österreich, gegenüber wirtschaft.tirol fest.

Seit 1996 hat die Novartis-Gruppe über 2,2 Milliarden Euro in Österreich investiert – den überwiegenden Teil davon in Tirol, dessen positive Standort-Seiten für van der Meij in den stabilen politischen Rahmenbedingungen und der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Politik und Bildungsinstitutionen liegen. „Weitere Pluspunkte sind die Infrastruktur und die zentrale Lage. Sandoz kann von hier aus seine Kunden in aller Welt gut versorgen“, sagt er auch. Auf dem Gebiet der Biosimilars ist Sandoz Weltmarktführer, doch in den Anregungen des Chefs spiegeln sich auch die Wünsche weit weniger global agierender Unternehmer: „Die Politik muss durch kluge Anreize dafür sorgen, dass der Industriestandort Tirol auch in Zukunft Strahlkraft hat, indem Forschung, Innovation und Wachstum forciert werden. Die Fortführung der Technologieoffensive, eine laufende Verbesserung der Infrastruktur, Rahmenbedingungen für flexible Arbeitswelten sowie die Steigerung der Attraktivität des Standortes für internationale Fach- und Spitzenkräfte sind Themen, die für uns hohe Bedeutung haben.“

Biopharmazeutische Produktion bei Sandoz

150 Millionen Euro investiert Sandoz in das BioInject-Gebäude. Foto: Sandoz GmbH

Damoklesschwert Abschreibungen

Flexible Arbeitswelten und die Steigerung der Attraktivität des Standortes sind schon zu lange Dauerbrenner auf der Wunschliste der heimischen Wirtschaft. „Auch aufgrund des Deloitte-Radars müsste die Politik eigentlich hellwach sein. Es gibt viele kleine Regime, die wehtun. Neben den europäischen bzw. nationalen Richtlinien und Regularien sind das auch hausgemachte Sachen, wie das Grundverkehrsgesetz oder die Naturschutzthematik. Investitionen werden aber auch durch die hohen Verfahrensdauern verhindert“, weiß Oswald Wolkenstein und hält fest: „Man kann nicht damit rechnen, dass man eine Investition in vier Monaten in Betrieb nehmen kann.“

Jener Tiroler Unternehmer etwa, der viel Geld in eine 3D-Druckanlage investiert hat und sie ein Jahr später immer noch nicht in Betrieb nehmen konnte, weil Genehmigungen fehlten, ist laut Wolkenstein keine Ausnahme: „Jede Investition, die mehr oder minder schon getätigt worden ist aber nicht eingesetzt werden kann, ist eine verlorene Investition für die Betriebe“, weiß Wolkenstein.

In vielen Bereichen sind die Unternehmen auf sich alleine gestellt. Investitionsfreibeträge gibt es nicht mehr, Förderungen im Grunde genommen auch nicht, respektive EU-weit gedeckelt. Eine bittere Folge des zunehmend feindlichen Umfelds ist, dass größere Unternehmen vermehrt im Ausland investieren. Und jene, bei denen Investitionen vor Ort eigentlich dringlich wären, warten erst einmal ab. Die Abschreibungstendenzen bilden dabei ein enormes Problem, das zunehmend ein so scharfes wie gefährliches Damoklesschwert darstellt. „Wir haben sozusagen alte Anlagen, die aber noch nicht abgeschrieben sind. Hier sollte es rasch zu einer Trendumkehr kommen“, so Wolkenstein.

Vier von fünf Euro für Kapitalstockerhalt

Österreichweit ist die Nettoinvestitionsquote (Bruttoinvestitionsquote abzüglich Abschreibungen, bezogen auf den Bruttoproduktionswert) der Unternehmen zwischen 2000 und 2014 von 13,5 Prozent auf 5,2 Prozent eingebrochen. Das entspricht mehr als 60 Prozent. Der langfristige Trend weist darauf hin, dass der Standort Österreich ein Problem hat, das nicht unterschätzt werden darf.

Bis 2007 hatten viele Unternehmen stark und äußerst optimistisch investiert, woraus hohe Kapitalstockkosten resultieren. Aufgrund der niedrigen Investitionen wächst dieser Kapitalstock nur langsam weiter, was wiederum bedeutet, dass der technische Fortschritt mehr oder weniger stagniert und mit ihm die Basis für künftiges Wachstum. „Österreichweit und auch in Tirol sind 80 Prozent der Bruttoinvestitionen Abschreibungen. Das ist ein gewaltiges Problem“, stellt Oswald Wolkenstein dazu fest. Vier von fünf Euro der Investitionskosten werden nur dazu verwendet, das bestehende Anlagevermögen zu erhalten. Es kostet. Es altert. Und im Sog des negativen Rückkoppelungseffektes auf die Investitionen drohen die Unternehmen langfristig ins Hintertreffen zu geraten.

Viel zu viel Blindleistung

Der sinkende Trend der Investitionsquote kann nur durch eine Verbesserung des Investitionsklimas gestoppt werden. Doch auch angesichts dieser Forderung, die eine Trendwende auf zahlreichen Ebenen erfordert, schwächelt der Optimismus. „Ich muss sagen, dass es in der Vergangenheit einige Entscheidungen und Gesetze gegeben hat, wo ich mir manchmal an den Kopf gefasst habe und mir die Frage stellte, ob sich diejenigen, die die Gesetze beschlossen haben, wirklich über die Konsequenzen im Klaren gewesen sind“, beschreibt Frank Jürgen Hess seine Reaktionen auf ihm unverständliche politische Positionen, „In unseren Augen ist etwa die Reform der Pendlerpauschale eine einzige Katastrophe. Und ich persönlich empfinde auch die Pensionsreform als einen Schuss ins Knie. Das ist Makulatur und ein bisschen Kosmetik, mehr nicht. Das alles ist schon ein bisschen unprofessionell. Österreich hätte da eine vorwärtsgewandtere Politik verdient.“

Frank Jürgen Hess ist Geschäftsführer der „A. Loacker Konfekt GmbH“ in Heinfels und kann sich angesichts der in Verordnungen und Gesetze gegossenen Politik herrlich echauffieren. Nicht nur Form, sondern auch Inhalt seiner Einsichten wie Forderungen haben aufgrund ihrer Treffsicherheit einen gewissen Charme: „Man vergibt ganz massiv Chancen. Die Politik sollte vielmehr versuchen, in Wertschöpfung zu denken und sich zu fragen: Bringt uns das Wertschöpfung oder ist es – auf Deutsch gesagt – Blindleistung, die wir erzeugen? In meinen Augen wird noch viel zu viel Blindleistung erzeugt und zu wenig Wertschöpfung.“

Blindleistungen sind es sicher nicht, welche Loacker zu einem boomenden Süßwarenhersteller machen, dessen Absatz zuletzt vor allem im Nahen Osten, Afrika, Asien und Ozeanien explodierte. Dieser steigende Absatz ist auch der Grund dafür, dass Loacker jüngst 70 Millionen Euro in den Ausbau des Produktionsstandortes Heinfels investierte. „Unser Wachstum auf dem Markt war die Voraussetzung dafür, die Produktionskapazitäten zu erweitern. Unsere Planung geht zumindest mittelfristig davon aus, dass es ähnlich weiter gehen wird. Planungen sind Planungen und keine Realitäten, doch wir hoffen natürlich, dass wir weiter wachsen werden. Die Investitionsgeschwindigkeit geht ungebremst weiter“, stellt Hess fest.

Weiter. Wachsen. Ungebremst. Loacker ist so ein Leuchtturm. Einer, der hoffnungsfrohe Signale in eine echt raue Investitions-Umgebung sendet.

Diesen Post teilen
X

Ihre Anmeldung für aktuelle Tiroler Wirtschaftsnews – Fast geschafft!

Bitte überprüfen Sie Ihren E-Mail-Eingang. Sie erhalten in Kürze unter der angegebenen E-Mail-Adresse eine Nachricht mit einem Bestätigungslink.
Ein Klick auf den Bestätigungslink schließt die Anmeldung ab.

Sehen Sie gegebenenfalls unter „Werbung“ oder „Spamverdacht“ nach, sollten Sie die E-Mail nicht in Ihrem normalen Posteingang finden.

Jetzt Newsletter abonnieren und regelmäßig personalisierte Tiroler Wirtschaftsnews erhalten!
(Ihre Daten werden vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben)

Bitte warten, Sie werden angemeldet!
Bitte füllen Sie alle Felder aus!