Von flexiblen Arbeitszeiten würden alle profitieren

wirtschaft.tirol REPORTAGE

Ob Hotel, Einzelhandel oder Industriebetrieb. Ein Blick in die Tiroler Praxis zeigt, dass die Flexibilisierung der Arbeitszeiten und ein kompakterer Rahmen allen zugutekommen würde – Mitarbeitern, Unternehmen und nicht zuletzt dem Standort selbst.

„Reality bites“ heißt ein Film, dessen Titel für deutschsprachige Cineasten mit „Voll das Leben“ übersetzt wurde. Die direkte Übersetzung hätte durchaus Charme, eignet sie sich doch sogar, um aktuelle Zustände in der heimischen Wirtschaftswelt zu beschreiben, wo die Realität zunehmend „bissiger“ wird. Im Zusammenhang mit dem sukzessiven Abstieg des Wirtschaftsstandortes in den Rankings „beißt die Wahrheit“ mit voller Härte zu. Und wird die Herausforderung betrachtet, welche durch die so engen und hochkomplexen Arbeitszeitmodelle den Standort am „vollen Leben“ hindern, hat dieser Biss längst lähmende Wirkungen.

„Die Bürokratie ist ein Drama. Unser Job wäre es eigentlich, uns um die Gäste zu kümmern, doch sind wir meist viel mehr damit beschäftigt, dem ganzen Bürokratismus gerecht zu werden. Wünsche der Mitarbeiter können beziehungsweise dürfen wir oft nicht mehr erfüllen“, sagt Sonja Huber, Geschäftsführerin des Hotels „…liebes Rot-Flüh“ in Grän.

Arbeitszeiten: Von Flexibilität weit entfernt

„Dienstpläne zu erstellen ist mit das Schwierigste für uns. Der Kollektivvertrag im Textileinzelhandel ist derart kompliziert, dass man studiert haben muss, um ihn zu verstehen“, weiß Wolfgang Feucht, Geschäftsführer der „Mode von Feucht GmbH“ mit Sitz in Hall.

„Unsere Branche ist von einer relativ starken Saisonalität gekennzeichnet. Die saisonalen Spitzen kompensieren wir durch Leasingkräfte. Wenn die Arbeitszeitflexibilität höher wäre, könnten wir es uns leisten, mehr Leute fest anzustellen“, hält in Langkampfen Peter Pretzsch, Geschäftsführer der Viking GmbH, fest.

Ob im Hotel, im Einzelhandel oder im Industriebetrieb – ob im idyllischen Außerferner Tannheimertal, in Tirolweit 20 exklusiven Modehaus-Filialen oder beim Gartengerätehersteller, der im weltweiten Wettbewerb steht — der Wunsch nach flexibleren Arbeitszeitmodellen ist keine Laune, sondern eine Notwendigkeit vor dem Hintergrund eines extrem diffizil gewordenen unternehmerischen Alltags.

Bürokratische Spießrutenläufe

Für Sonja Huber etwa wird dieser Arbeitsalltag derzeit von bürokratischen Spießrutenläufen beherrscht. 120 Mitarbeiter sind im Hotel beschäftigt und es ist schwer geworden, sie zu organisieren. Das Gesetz gegen Lohn- und Sozialdumping stellt die Gastronomie — wo es eben vorkommt, dass zwei Wochen lang „die Hölle“ los ist und in den zwei Wochen darauf „tote Hose“ herrscht — vor enorme Herausforderungen: „Du brauchst mindestens zwei Leute, die alles eingeben, kontrollieren, planen. Es ist fast unmöglich und jedenfalls sehr mühsam geworden.“ Mühsam auch für jene Mitarbeiter, die gerne ein paar Tage durcharbeiten würden, um dann ein paar Tage heimfahren zu können. „Da müsste ich doppelt so viel zahlen. Das geht nicht mehr“, sagt sie.

Das Hotel ist ein Leitbetrieb in der Region, die Mitarbeiter stammen — wie im Tourismus üblich — „aus aller Herren Länder“ und auch das ist ein Umstand, der sowohl Aufmerksamkeit als auch eine gehörige Portion Frustrationstoleranz verlangt. „Wir haben einen kroatischen Mitarbeiter, dessen Arbeitsbewilligung am 31. Oktober ausgelaufen war“, beginnt Sonja Huber einen Streifzug durch einen bürokratischen Irrgarten, der sie aktuell auf Trab hält, „Er hat um eine neue Arbeitsbewilligung angesucht, die er am 15. November bekommen hat. Wir hatten ihn nicht abgemeldet, sondern angemeldet gelassen — weil wir ihn nicht schwarz zahlen wollten und damit er versichert bleibt.“

Heute weiß sie, dass es echt besser gewesen wäre, ihren Mitarbeiter abzumelden, denn angeregt durch das Arbeitsamt kam bald „die Finanzpolizei“ ins Haus und überprüfte sämtliche Mitarbeiter. Auch jenen, der drei Tage rückwirkend angemeldet wurde, weil die Hotelchefin zu der Zeit auf einer Messe war. „Er hat am Sonntag angefangen und wir haben ihn am Mittwoch, drei Tage zu spät, aber rückwirkend angemeldet. Deswegen bekam ich jetzt eine Vorladung zur Bezirkshauptmannschaft“, stellt Sonja Huber fest und resümiert: „Wenn du ehrlich bist, bist du der Depp.“

Fehlender Hausverstand

Wer geschädigt wurde, ist in Fragen arbeitsrechtlicher Verfahren oft nicht leicht oder eben gar nicht zu beantworten. Das gesetzlich definierte Misstrauen ist groß und Hausverstand keine Kategorie. „Der Hausverstand wird immer weniger angewandt“, beobachtet Wolfgang Feucht die Entwicklungen. Für das Modehaus, das rund 200 Mitarbeiter beschäftigt, ist Eigenverantwortung beispielsweise ein großes Thema. Eines aber, das innerhalb der immer enger gesteckten Haftungsrahmen schwer zu leben ist. „Wird jemandem, der bei uns Lkw fährt, in seiner Freizeit der Führerschein abgenommen, bin ich als Unternehmer dazu verpflichtet, ihm zu sagen, dass er ohne Führerschein nicht mehr autofahren darf. Das müssen wir schriftlich dokumentieren“, erzählt der Geschäftsführer, der zudem weiß: „Wir können und dürfen unseren Mitarbeitern viel mehr zutrauen.“

Im täglichen Zusammenspiel mit den Mitarbeitern erlebt Feucht Ähnliches wie Sonja Huber. „Viele Mitarbeiter wollen am Wochenende arbeiten. Da ist am meisten los und es macht am meisten Spaß. Sie dürfen aber nicht. Oder junge Mitarbeiter, die den Urlaub gerne ausbezahlt bekommen würden, weil sie sich gerade eine Wohnung einrichten oder voll Energie sind und den Urlaub nicht brauchen. Diese Möglichkeit haben wir nicht mehr. Wir sind mit Leidenschaft Modehändler, stehen für Beratung und wollen mit unseren Mitarbeitern diesen Weg weiter gehen. Doch es wird immer schwieriger“, so Feucht, der die geltenden Regeln als „nicht mehr zeitgemäß“ bezeichnet und die Forderung nach flexibleren Arbeitszeiten „voll und ganz“ unterstützt.

„Wir sind ganz klar für eine Entrümpelung. Es muss doch im Interesse eines jeden sein, dass ein Mitarbeiter, der seine Zeitabrechnung bekommt, sofort sagen kann, ob das richtig ist, oder nicht“, so Feucht, „oft fällt es dir als Unternehmer schon schwer, den Überblick über die vielen Regeln und Ausnahmen zu wahren. Darum ist es für mich auch schwierig, einem Filialleiter die Vollverantwortung über die Dienstplanung zu übergeben.“

Gefahr für den stationären Handel

Die Rahmenbedingungen für den so genannten stationären Handel wirken wie eine Zwangsjacke und tragen ihren Teil dazu bei, dass die Attraktivität der Tiroler Innenstädte zunehmend schwindet. Ein internationaler Filialist würde auch aufgrund der komplexen Arbeitszeitregelungen kaum auf die Idee kommen, kleine Läden zu eröffnen und „im Großen“ raubt diese Entwicklung den Innenstädten ihren Charme. „Das ist keine Gefahr mehr, das ist schon eine Tatsache. Wir als Unternehmerfamilie werden alles daran setzen, dass es uns weiterhin am Markt gibt und dass es unseren Mitarbeitern gut geht“, verweist Feucht auf die soziale Verantwortung des Familienunternehmens.

Vor diesem Hintergrund unterstützt er auch die Forderung von WK-Präsident Jürgen Bodenseer, die Teilarbeitsfähigkeit zu ermöglichen. „Das wäre für alle von Vorteil. Für den Mitarbeiter, weil er sich langsam wieder rantasten kann, für die Gebietskrankenkasse, weil sie weniger Kosten hat und für das Unternehmen, weil andere Mitarbeiter das dann nicht mehr kompensieren müssen.“

Gute Erfahrungen mit Teilarbeitsfähigkeit

Mit den Wiedereingliederungsmodellen für Langzeitkranke hat Viking-Geschäftsführer Peter Pretzsch in seiner Zeit in Deutschland gute Erfahrungen gemacht: „Wenn Leute monatelang mit etwas Schwerwiegenderem krank waren und dann zurück in das Unternehmen kommen, ist es oft hart, mit 38 oder 40 Stunden wieder einzusteigen. Modelle, die es den Mitarbeitern nach Absprache mit der Krankenkasse und dem Arzt ermöglichen, über einen gewissen Zeitraum gestaffelt in die zunehmende wöchentliche Arbeitszeit wieder hinein zu finden, sind sehr sinnvoll.“

Dem Geschäftsführer des von Wachstum geprägten Tiroler Industrieunternehmens (350 Mitarbeiter und Umsatzrekord in Höhe von 150 Millionen Euro im Jahr 2014) fallen einige Maßnahmen ein, die eine Win-win-Situation zum Ergebnis hätten. Dazu zählen etwa größere Zeitkonten und längere Durchrechnungszeiträume, die es dem Unternehmen wie den Mitarbeitern leichter machen würden, zu arbeiten. „Unsere Hauptsaison findet eher im Winter und im Frühling statt. Im Sommer, wo weniger los ist, könnte man den Menschen mit erhöhter Freizeit entgegen kommen. Doch da haben wir gewisse Begrenzungen“, so Pretzsch.

Die vorhandene Arbeit mit mehr Flexibilität verteilen zu können und bei einem Zehn-Stunden-Tag nicht Zuschläge für die neunte und zehnte Stunde zahlen zu müssen, würde die Planung im Unternehmen enorm erleichtern. „Die Vielfalt der Regelungen ist sicherlich fragwürdig und eine kompaktere Vorgangsweise wäre auch für die kleineren Betriebe — wo keiner da ist, der sich hauptamtlich um diese Dinge kümmern kann — hilfreich“, ist Pretzsch überzeugt und weist auf ein Beispiel hin, wo die Straffung neuerlich in einer Win-win-Situation münden würde: „Die Arbeitszeitenregelungen bei Reisen sind so kompliziert geworden, dass bei den Mitarbeitern eher Argwohn und Misstrauen generiert wird, weil die Abrechnung nicht mehr ohne weiteres nachvollzogen werden kann. Da haben wir viel Aufwand damit, das klar zu stellen.“

Langfristig plädiert Geschäftsführer Pretzsch auch für die Möglichkeit, zusätzlich zum Kollektivvertrag betriebsindividuelle Zusatzregelungen abschließen zu können. „Doch vorerst sollten die Detailverhandlungen über die bereits erzielten Verhandlungsfortschritte zu einem Ergebnis kommen“, sagt er.

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