Manfred Pletzer: Deutschland ist flexibler

Manfred Pletzer. Foto: Oss

„Die Professionalität der Verwaltung ist in Deutschland eine höhere“ ist Manfred Pletzer überzeugt. Der Geschäftsführer der Pletzer-Gruppe fordert eine Entbürokratisierung Österreichs zum Wohle des Wirtschaftsstandortes. Foto: Oss

wirtschaft.tirol REPORTAGE

Manfred Pletzer, Geschäftsführer der stark expandierenden Pletzer Gruppe, erlebt die Unterschiede der beiden Wirtschaftsstandorte Österreich und Deutschland im unternehmerischen Alltag. Er weiß: „Die Kleingliedrigkeit der Verwaltung muss sich in Österreich genauso radikal verändern, wie die Gesetzgebung.“

Es ist extrem verzerrt – das Standort-Bild, das sich beim Blick auf die österreichische Landkarte zeigt. Verwirrung droht vor allem, wenn die Grenzen der Verwaltungseinheiten betrachtet werden und dieses Puzzle aus Ländern und Bezirken in Relation zur Landkarte Deutschlands gesetzt wird. Kunstfreunde mag das heimische Bild schon zur Assoziation mit kubistischen Werken Picassos animieren. Für Unternehmer ist die Kreativität, die aufgrund der verschiedenen Einheiten und Zuständigkeiten von ihnen gefordert wird, kein sinnliches Erlebnis. Vielmehr erinnern die Puzzleteile an Grenzen, an Hürden und an Bremsklötze.

„Für einen Gast macht es keinen Unterschied, ob er in einem Kärntner oder in einem Tiroler Hotel schläft, oder? Mir ist unverständlich, warum man da zwei verschiedene Bauordnungen braucht“, stellt etwa Manfred Pletzer, Geschäftsführer der Tiroler Pletzer Gruppe, fest. Zum expandierenden Unternehmen zählen neben gewerblichen Immobilien auch Industriebetriebe sowie Tourismusbetriebe in Tirol, Kärnten und Bayern. Das breite Portfolio ist die Stärke des investitionsfreudigen Familienunternehmens und diese Stärke vermag rasch auch die Schwäche des Wirtschaftsstandortes Österreich zu entlarven. Die Tatsache etwa, dass neun verschiedene Bauordnungen in den neun Bundesländern Planer, Investoren und Baukräne dirigieren. „Die Problematik ist, dass der Inhalt der Regelungen so unterschiedlich ist. Weil man sich immer neu auf Situationen einstellen muss, ist das sehr kostenaufwändig“, sagt Manfred Pletzer.

Immerjunge Forderung

Sein „Wunsch ans Christkind“: „ Eine Bauordnung in Österreich und eine massive Zusammenlegung der Bezirkshauptmannschaften. Das würde eine höhere Professionalität in der ausführenden Verwaltung bringen und es würde auf der anderen Seite wesentlich weniger Rechtsnormen bedeuten.“

Pletzer weiß, dass diese Forderungen nicht neu sind. Schon als Bundesvorsitzender der Jungen Wirtschaft hatte er darauf hingewiesen, dass Österreich überverwaltet ist und dringend entbürokratisiert werden muss. Dass diese Forderung heute, über 15 Jahre und zahlreiche Erfahrungen später, auf vielen Ebenen nach wie vor aufrecht ist, wiegt schwer, sind es doch keine rein theoretischen oder akademischen Unpässlichkeiten, die der Status quo mit sich bringt. Drei Pletzer-Projekte stecken derzeit im bürokratischen Dickicht fest. Pletzer: „Die scheitern in den Verwaltungs- und Behördenwegen. Und das nicht, weil die einzelnen Personen in der Verwaltung dagegen wären, sondern weil die Komplexität so hoch ist.“

Großes Problem Kleingliedrigkeit

Die angedachte Schlankheitskur für Verwaltung und Gesetzgebung bekommt richtig Biss, wenn der Vergleich zu Deutschland gezogen wird. Weil die Gruppe auch in Deutschland tätig ist, erlebt Manfred Pletzer die Unterschiede im unternehmerischen Alltag und hält dazu gegenüber wirtschaft.tirol fest: „Der grundsätzliche Unterschied zwischen Österreich und Deutschland ist die Größe des Landes und daraus resultierend auch die Größe der Verwaltungseinheiten. Die Professionalität der Verwaltung ist in Deutschland eine höhere, weil größere Einheiten verwaltet werden. Die Kleinstrukturiertheit der österreichischen Verwaltung ist per se hinderlich.“

Diese „Überverwaltung“ mache es schwerer, Projekte durchzusetzen. Vor dem Hintergrund kann Pletzer kein Verständnis für das Festhalten an den gegenwärtigen Strukturen aufbringen. „Bankfilialen werden geschlossen, weil die Leute ihre Geschäfte online abwickeln und nicht mehr kommen. Trotz E-Government bzw. elektronischer Verwaltung werden Bezirkshauptmannschaften aber neu gebaut. Das ist der Unterschied zwischen Verwaltung und Marktwirtschaft.“ Verwaltung und Marktwirtschaft. Mit der einen und in der anderen Welt zu bestehen, bleibt die Herausforderung.

Manfred Pletzer kann die beiden Wirtschaftsstandorte jedoch nicht nur im Zusammenhang mit der Verwaltungsqualität in Relation setzen, sondern auch im Bezug auf alle anderen relevanten Rahmenbedingungen. Sowohl die touristischen, als auch die Industriebetriebe, die hier wie dort zur Pletzer-Gruppe zählen, haben ähnliche Größen. „Die wirtschaftliche Entwicklung war in den letzten sieben Jahren in Deutschland besser als in Österreich. Das ist in erster Linie auf die arbeitsrechtlichen und sozialrechtlichen Reformen zurück zu führen. Da hat Österreich definitiv Aufholbedarf.“

Unpopuläre Reformen

Die Reformen, die Pletzer anspricht, gehen auf den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder zurück. Im Jahr 2000, als die Pletzer Gruppe mit der APL Apparatebau im deutschen Dormagen startete, hatte die rot-grüne Regierung unter Schröder eine große Steuerreform durchgesetzt. In der Regierungserklärung zu seiner 2. Amtszeit verkündete Schröder im März 2003 die so genannte Agenda 2010, mit der die „Rahmenbedingungen für mehr Wachstum und für mehr Beschäftigung sowie der Umbau des Sozialstaates und seine Erneuerung“ erreicht werden sollte. Es war ein Reformprogramm, das die deutsche Wirtschaftsstruktur grundlegend verändern und Schröder schließlich das Amt kosten sollte.

„Unpopuläre Maßnahmen – mit dem Risiko dann abgewählt zu werden – sind notwendig, um nachher positive Reformen zu entwickeln“, ist Manfred Pletzer überzeugt. Im Zuge der Reformen in Deutschland verlor Österreich zunehmend Standort-Vorteile. „Die Unterscheide haben sich in den letzten Jahren massiv verändert. Jetzt ist es so, dass wir in Deutschland eine bessere Situation vorfinden“, so Pletzer.

Flexibler trotz Kündigungsschutz

Wie genau sich die jüngste Steuerreform in Österreich auf das Wirtschaften auswirkt, ist noch nicht klar. Im Jahr 2015 hatte Ecovis Austria in einem Steuervergleich der beiden Länder noch festgestellt, dass die Arbeitgeberkosten in Österreich „nicht wettbewerbsfähig“ seien. Dabei wurde etwa der Bruttojahresgehalt eines Dienstnehmers in Höhe von 70.000 Euro aufgeschlüsselt, mit dem Ergebnis: In Österreich wurden € 43.081,18 an den Dienstnehmer ausbezahlt und die Gesamtkosten für den Dienstgeber lagen bei € 90.635,69. Der deutsche Dienstnehmer hatte € 46.087,19 ausbezahlt bekommen und die Gesamtkosten für den Dienstgeber hatten € 81.790,13 betragen.

Die Differenz ist keine Marginalie, doch an Beträgen und Zahlen allein sind die Unterschiede nicht festzumachen. Stimmung ist ein Schlüssel, Flexibilität ist ein Stichwort. Ein Stichwort, das sich in der WK-Forderung nach flexiblen Arbeitszeiten wieder findet und das Manfred Pletzer durch den „Alltagsvergleich“ verdeutlicht: „In Deutschland gibt es den Kündigungsschutz, was wir in Österreich nicht haben. Doch hat man in Deutschland mehr Freiheiten. Der große Unterschied im Bereich der Arbeit in der Industrie ist, dass wir in Deutschland wenig Flexibilität haben, Mitarbeiter zu kündigen, aber wir haben viel Flexibilität, mit Mitarbeitern, die im Unternehmen sind, zu arbeiten. Deutschland ist flexibler – was die Kurzarbeit betrifft, die Arbeitszeitverteilung und –gestaltung oder die Möglichkeiten, Aufträge dann abzuarbeiten, wenn sie anfallen.“ Die mangelnde Flexibilität bezeichnet Pletzer derzeit als „unser größtes Hemmnis“: „Ich sage nichts anderes, als viele andere, doch ich sage es aus einem konkreten Erleben heraus.“

 

Die Pletzer Gruppe

» Mehr Informationen über das Unternehmen erhalten Sie auf der Homepage der Pletzer Gruppe.

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