Arbeitslosigkeit: Nicht Wachstum, Qualifikation ist das Problem

Konjunkturpakete sind im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit in Tirol “stumpfe” Waffen. Ursächliches Problem ist das Auseinanderklaffen zwischen Qualifikation der Bewerber und Anforderung der Unternehmen. Der Tourismus nimmt eine Sonderrolle ein.

Tirol schert aus. In manchen Bereichen mag das zur Identität des Landes gehören. Im Zusammenhang mit dem Arbeitsmarkt und hier vor allem mit der steigenden Arbeitslosigkeit verlangt das Ausscheren aber neue Denkmodelle und andere Wege. Um die Arbeitslosenquote zu verringern, ist hierzulande weit mehr nötig als ein sattes Wirtschaftswachstum. Der Tiroler Arbeitsmarkt ist nicht in der ausgeprägten Form von der Konjunktur abhängig, wie bislang angenommen.

„Eine kurzfristige Rückführung der Arbeitslosigkeit durch Konjunktur- und Wachstumsprogramme erscheint daher kaum möglich. Vielmehr sind Maßnahmen angezeigt, die strukturell – das heißt unabhängig vom Konjunkturverlauf – wirken. Dazu zählen etwa Investitionen in Bildung und Ausbildung oder eine weitere Flexibilisierung der Arbeitsmärkte“, lautet eine Kernaussage in der aktuellen Studie „Wie viel Wachstum braucht Tirol?“, die von der Abteilung Wirtschaftspolitik und Strategie der WK Tirol in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung (GAW) erarbeitet und am Dienstag präsentiert wurde. „Auch wenn wir viel stärker wachsen würden, würden wir das Arbeitslosenproblem nicht gleich lösen können“, stellt Stefan Garbislander, Leiter der WK Tirol-Abteilung Wirtschaftspolitik und Strategie, fest.

Faustregel nicht anwendbar

Ende Dezember 2015 betrug die Arbeitslosenquote in Tirol 6,5 Prozent. In „echten“ Zahlen entspricht diese Quote 23.149 vorgemerkten Arbeitslosen, die für die Berechnung mit 332.000 unselbstständigen Beschäftigten in Relation gesetzt wurden. Bislang sagte nicht nur der flotte ökonomische Hausverstand, dass sich die Arbeitslosenquote dann bessert, wenn die Wirtschaft kräftig anzieht und das Mehr an Arbeit gleichsam in mehr Arbeitenden mündet. Eine eherne wirtschaftspolitische „Faustregel“ besagte, dass ein reales Wirtschaftswachstum von zwei Prozent nötig ist, um einen spürbaren Rückgang der Arbeitslosenquote zu erreichen.

“Die zwei Prozent-Formel kann nicht auf die Tiroler Wirtschaft angewendet werden und Wachstum allein wird nicht reichen, um die Arbeitslosenquote zu verringern.”

Stefan Garbislander

Der US-amerikanische Ökonom Arthur Melvin Okun hatte diesen Zusammenhang erstmals vor bald 55 Jahren festgestellt und in weiterer Folge in eine Formel gegossen, die seither zum makroökonomischen Alltag wurde – für Wissenschaftler genauso wie für Wirtschaftspolitiker.

„Bisher war noch nie untersucht worden, ob dieses alte ökonomische Gesetz auch auf Tirol zutrifft“, berichtet Garbislander. In den vergangenen Jahren ist in der wirtschaftswissenschaftlichen Welt schon ruchbar geworden, dass das so genannte Okun’sche Gesetz nicht bei allen Volkswirtschaften gleichermaßen angewendet werden kann. Es wurde auch nachgewiesen, dass die Arbeitslosenquote in Österreich nicht in der starken Weise auf ein Wirtschaftswachstum reagiert, wie es die Formel vorsieht. Doch auf regionaler Ebene waren die Zusammenhänge nie genau unter die Lupe genommen worden. „Wir haben das gemacht – mit der Erkenntnis, dass die Formel nicht auf die Tiroler Wirtschaft angewendet werden kann und Wachstum allein nicht reichen wird, um die Arbeitslosenquote zu verringern“, so Garbislander, der zudem festhält: „Das Modell passt sehr gut auf den angelsächsischen Raum, auf den österreichischen Wirtschaftsraum eh nur bedingt und auf Tirol noch einmal weniger.“ Hausverstand und Formel scheinen gleichermaßen ausgedient zu haben.

Strukturelles Problem

Diesbezügliche Zahlen zeigen den Abschied vom alten Modell auf eindrückliche Weise. So haben die Studienautoren erhoben, dass bei einem realen Wirtschaftswachstum in Höhe von 2,2 Prozent innerhalb eines Jahres lediglich mit einem Rückgang der Arbeitslosenquote in Höhe von 0,09 Prozentpunkten gerechnet werden darf. Wenn der Gesamteffekt innerhalb mehrerer Jahre betrachtet wird, beträgt der Rückgang 0,14 Prozentpunkte – auch das kann nicht als „spürbar“ bezeichnet werden.

Ähnlich ernüchternd sind die Werte, welche die Reaktion der Beschäftigung auf ein Wirtschaftswachstum darstellen. „Ein tatsächliches Wirtschaftswachstum von 2,2 Prozent führt in Tirol innerhalb eines Jahres zu einem Anstieg der Beschäftigung im Vergleich zum Vorjahr von nur 0,17 Prozent. Der über mehrere Jahre verteilte Gesamteffekt beträgt 0,2 Prozent“, heißt es in der Studie.

“Der Mismatch wirkt sich nicht auf die Arbeitslosenquote aus, er bremst auch die wirtschaftliche Performance der Unternehmen.”

Stefan Garbislander

„Wir haben da ein strukturelles Problem“, stellt WK-Experte Garbislander fest. Die schwache Reaktion wird zum Teil dadurch erklärt, dass in Tirol mit Beherbergung und Gastronomie eine Branche stark ist, in der sich das Wirtschaftswachstum kaum auf die Kennziffern des Arbeitsmarktes auswirkt. „Die Bruttowertschöpfung im Sektor Beherbergung und Gastronomie ist zwischen 1995 und 2013 in Tirol um knapp 65 Prozent gestiegen, die Anzahl der Nächtigungen jedoch lediglich um knapp 9 Prozent. Der Zuwachs der Bruttowertschöpfung geht auf eine gestiegene Qualität der Dienstleistungen und damit auf gestiegene Preise zurück“, so die Autoren, die nicht verhehlen, dass ebendiese Reaktionsträgheit vor allem in den Jahren nach der jüngsten Finanzkrise (2008) zu einem Stabilisator für das Land Tirol wurde und einen gravierenden Anstieg der Arbeitslosenquote verhinderte. Zur Erinnerung: Während die Arbeitslosenquote in Tirol im Jahr 2009 6,3 Prozent betrug (2008 lag die Quote noch bei 5,2 Prozent) war sie in Gesamtösterreich auf 7,2 Prozent (von 5,8 Prozent im Jahr 2008) empor geschnellt.

Selbst wenn der Wertschöpfungsanteil des Tourismussektors in Tirol etwa mit 13,8 Prozent (2012) weit größer ist, als der Österreich-Durchschnitt (4,9 Prozent), kann „der Stabilisator“ nicht alles richten. Und die nunmehr bewiesene Tatsache, dass sich die Tiroler Unternehmer, Arbeitnehmer und Wirtschaftspolitiker nicht auf eine Verbesserung der Arbeitslosenzahlen als Folge eines starken Wirtschaftswachstums verlassen dürfen, bringt großen Handlungsbedarf mit sich.

Qualifikationsanforderung versus Qualifikation

Für wirtschafts- und bildungspolitischen Zündstoff sorgt nämlich auch die in der Studie aufgestellte These, dass sich ein Auseinanderklaffen der Qualifikationsanforderungen offener Stellen und die Qualifikationen der Arbeitssuchenden (Mismatch) nicht nur auf die Arbeitslosenquote, sondern auch auf die wirtschaftliche Entwicklung der Unternehmen auswirkt. „Dann, wenn die Unternehmen nicht die Personen finden, die sie benötigen. Dieser Mismatch bremst die wirtschaftliche Performance“, weiß Studienautor Stefan Garbislander und hält fest: „Wie ausgeprägt ein derartiges Mismatching in Tirol ist, kann an dieser Stelle nicht beurteilt werden, sondern wäre Gegenstand einer weitergehenden, tiefer greifenden Untersuchung.“

Die Ergebnisse dieser Tirol-spezifischen Studie dürfen mit Spannung erwartet werden. Nicht zuletzt, weil der Think Tank „Agenda Austria“ im Dezember 2015 ein Papier veröffentlichte, das dem „Geheimnis der Rekordarbeitslosigkeit“ auf den Grund ging. Die Frage, warum die Arbeitslosenrate, die in Österreich über viele Jahre auf niedrigem Niveau stabil geblieben war, seit 2013 stetig steigt, war Antrieb für die Studie, die unter anderem zum Schluss kam: „Zahlreiche Ökonomen argumentieren, dass die Arbeitslosigkeit eben der schwachen Konjunktur geschuldet sei.

Häufig übersehen werden aber die strukturellen Gründe: Die Arbeitssuchenden bringen immer öfter nicht jene Qualifikationen mit, die für die offenen Stellen gesucht werden („mis-match“), wie auch unsere Untersuchungen bestätigen.“ Dieser Befund, so heißt es, habe wichtige politische Folgen: „Denn das Missverhältnis bei der Qualifikation zu verringern ist wesentlich leichter, als Jobs zu bewahren. Die Arbeitsmarktpolitik sollte sich daher besonders mit jenen Wirtschaftsbereichen beschäftigen, die erheblich von einem strukturellen Wandel betroffen sind.“ Wurden die betroffenen Bereiche für Tirol herausgefiltert, bekommt der offenkundige Handlungsbedarf einen konkreten Plan. „Qualifikation ist der Schlüssel“, halten die Studienautoren schon heute fest.

 

Im Detail: Wachstum, Beschäftigung, Export
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