BBT-Bergmeister: Bürokratie ist großer Hemmschuh für Innovationen

wirtschaft.tirol REPORTAGE

Zwischen Tirol und Südtirol wird mit dem Brennerbasistunnel gerade der längste Eisenbahntunnel der Welt vorangetrieben. Dabei drohte das Projekt aufgrund der Bürokratie zu scheitern. Doch Tunnel-Mastermind Konrad Bergmeister wusste sich mit einem Trick zu helfen.

Der Brenner Basistunnel (BBT) ist ein gigantisches Projekt. Und das in jeder Hinsicht. Mit einer Gesamtlänge von 64 Kilometern wird der Tunnel die längste unterirdische Eisenbahnverbindung der Welt. Das Material, das aus dem Berg gesprengt und gebohrt wird, soll 17 Millionen Kubikmeter umfassen, was einem Würfel mit einer Seitenlänge von 257 Metern entspricht. Ziviltechniker, Ingenieure, Mineure, Mechaniker, Elektriker, Umwelttechniker, Geologen, Physiker, Juristen, Baustoff- sowie Finanzexperten sind in, um und mit dem europäischen Megabauwerk beschäftigt.

Regel- und Normenberg

Um mit dem Bau des BBT beginnen zu können, mussten aber nicht nur politische und technische, sondern auch echte Berge versetzt werden. Eine so komplexe wie vielschichtige Hürde, die sich zwischen Franzensfeste und Tulfes bzw. Italien und Österreich sprichwörtlich „aufgestapelt“ hatte und die es zu überwinden galt, setzt sich aus den unterschiedlichen Regeln zusammen, den verschiedenen Normen und Gesetzen, mit denen in Italien und Österreich Bau und Vergabe geregelt werden. „Zusätzlich haben wir noch die Situation, dass wir auch die europäischen Vorgaben einhalten müssen“, weiß Konrad Bergmeister, Österreichs Vorstand in der BBT SE, der europäischen Aktiengesellschaft, die im Auftrag der Republik Österreich, der Republik Italien und der Europäischen Union den BBT plant und baut.

Allein bei der Vergabe der BBT-Aufträge zeigt das grenzüberschreitende Projekt seine scharfen bürokratischen Zähne. Neben den europäischen Vergaberichtlinien gilt es auch die nationalen Grundlagen einzuhalten, und die umfassen allein in Österreich (Bundesvergabegesetz) 379 Seiten. In Italien sind die Vergabekriterien (Gesetz plus Verordnung) auf 910 Seiten geregelt. „Das sind Gesetze. Das können wir nicht anders gestalten“, so Bergmeister.

BBT-Mastermind Konrad Bergmeister“In einer eigenen Planungsphase haben wir die verschiedenartigen Normen auf einen Nenner gebracht. Sonst hätten wir zwei unterschiedliche Bauwerke gestaltet.”

Konrad Bergmeister 

Einen anderen Weg durften bzw. mussten die BBT-Planer hingegen im Umgang mit den zahlreichen, unterschiedlichen und teils höchst detaillierten Normen im Bauwesen gehen. Das Wort „bahnbrechend“ bietet sich in dem Zusammenhang gleich auf mehreren Ebenen an, wird die Grundlage, die als Basis für den Bau des Brennerbasistunnel dient, doch in der europäischen Normen- und Wissenschaftswelt als beispielhaft erachtet. „In einer eigenen Planungsphase haben wir die verschiedenartigen Normen auf einen Nenner gebracht. Dabei haben wir versucht, den Kern zu respektieren, der in diesen Normen enthalten ist. Schlussendlich haben wir aus der Zusammenschau zwischen den italienischen und österreichischen Normen eine klare Grundlage geschaffen. Diese Grundlage, dieser guide, bildet die Basis für die Konstruktion des Brennerbasistunnel.“ Ohne diese Grundlage wäre der Bau des Megaprojektes gescheitert. Bergmeister: „Wir hätten zwei unterschiedliche Bauwerke gestaltet.“

Irre Regulierungsflut

Die aufwändige wissenschaftliche Vorarbeit ist notwendig geworden, da die Regulierungswut der einzelnen EU-Mitgliedstaaten in den vergangenen Jahren zu einer höchst komplexen Regulierungsflut geführt hat. „1905 wurde die erste Norm zur Verwendung von bzw. zur Konstruktion mit Beton geschrieben. Sie umfasste zirka zehn Seiten und es war eine positive Entwicklung, dass man versucht hat, diesen neuen Werkstoff zu erfassen bzw. zu gestalten“, erzählt Bergmeister. Wie eine heitere Episode wirkt heute die Feststellung eines Ingenieurs aus der Schweiz, der sich 1938 darüber beklagte, dass man diese Normen „plötzlich so kompliziert“ mache. Die Seitenzahl der schweizerischen Betonnorm war damals auf 24 angewachsen. Heute zählt sie etwa 120 Seiten. Dabei scheinen die Schweizer noch zurückhaltend zu sein, wird das Bauwesen dort doch mit rund 2.700 Normen geregelt. In Deutschland sind es knapp 8.000 und in Österreich etwa 7.000.

Ab den 1990er Jahren wurden EU-weit die so genannten Eurocodes als Referenzgrundlagen für alle Mitgliedsländer geschaffen, 2010 wurde der nochmals überarbeitete Modelcode herausgegeben, der die europäische Betonwelt auf sinnvolle Weise vereinheitlichen würde – hätte nicht jeder einzelne Nationalstaat die eigenen Normen daran angepasst und neue Normen geschaffen. „Damit entstanden plötzlich die großen Differenzen zwischen den verschiedenen Staaten. Man hatte zwar die gleiche Grundlage, wollte dann aber nicht auf die eigenen Spezifikationen verzichten. Die Normen haben sich buchstäblich verdoppelt beziehungsweise vervielfacht“, weiß Konrad Bergmeister.

Hemmschuh für Systeminnovationen

Für ein und denselben Baustoff, der in jedem Land gleich „funktioniert“, gibt es zig unterschiedliche Normen, was bei grenzüberschreitenden Projekten zu massiven Problemen – bis hin zur Unmöglichkeit – führen kann. Vor diesem Hintergrund wird das klare und vergleichsweise einfache Normen-Werk, welches Grundlage für den Bau des Brennerbasistunnels ist, als Vorbild betrachtet. „Wir haben damit Neuland auf dem Weg zu einer Europäisierung beschritten“, so Bergmeister, der weiter an einer Vereinfachung und Vereinheitlichung arbeitet und auch von nationalen Tendenzen zu berichten weiß, die darauf abzielen, eine Reduzierung der großen und detaillierten Normen zu erreichen.

„Ziel sollte es sein, dass es europaweit Grundlagen gibt, an die man sich zu halten hat, aber dass dann den Ingenieuren bei der Ausarbeitung der jeweiligen Projekte entsprechend Freiheit gelassen wird. Sonst haben wir Kochbücher für diese sehr komplexen Bauwerke und den Möglichkeiten werden Grenzen gesetzt.“ Parallel dazu wird Fortschritt verhindert und der BBT-Chef hält fest: „Die Überreglementierung, gerade auch in den Normen, ist in Europa der größte Hemmschuh für Systeminnovationen.“

 


Konrad Bergmeister (56) ist seit August 2006 auf Nominierung Österreichs Vorstand der BBT SE. Nach seinem Studium forschte und arbeitete er in den USA, Belgien und Deutschland. Neun Jahre war er als technischer Direktor und Chefingenieur der Brennerautobahn (A22) verantwortlich für die Projektierung und Bauabwicklung sowohl von Neubauten als auch von Erhaltungsarbeiten. Bergmeister ist seit 20 Jahren Professor für konstruktiven Ingenieurbau an der Universität für Bodenkultur Wien. Seit 2010 ist er Präsident der Freien Universität Bozen. Bergmeister ist ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin, sowie der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften, Halle.

 

BBT: Der längste Eisenbahntunnel der Welt
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