Lendvai: “Zeit der beispiellosen Kakophonie”

Für den bekannten Journalisten und Osteuropa-Experten Prof. Paul Lendvai ist die Zukunft Europas nicht vorhersagbar. In der Flüchtlingsfrage erwartet er keine Solidarität von Polen und Co. , die EU will er nicht mit China oder Indien vergleichen.

 

wirtschaft.tirol INTERVIEW

Prof. Paul Lendvai spricht im Interview über die Zukunft Europas.

Prof. Paul Lendvai spricht im Interview über die Zukunft Europas.

wirtschaft.tirol: Die Stimmungslage gegenüber der EU scheint immer negativer zu werden. Einer aktuellen Umfrage der Tiroler Wirtschaftskammer zufolge rechnen 50 Prozent der heimischen Unternehmer damit, dass Europa 2016 an Stabilität verliert. Wie kann diesen Ängsten positiv begegnet werden?

Prof. Paul Lendvai: Vieles hängt von der Auswahl der Elite ab, davon, ob das die besten Leute sind und ob sie fähig und motiviert sind. Das gilt für das politische, wirtschaftspolitische, finanzpolitische Personal. Natürlich kommt die ganze Spielart der Demokratie hinzu. Es ist eine sehr unbequeme, langsame Maschinerie. Deshalb ist die Sehnsucht nach der starken Hand auch in der Wirtschaft groß. Wir leben, auch wegen der Medien und der Kommunikation, in einer sehr komplizierten Situation und die Frage, wie man internationale Aufgaben mit nationalen Interessen koordiniert, ist in der EU nicht einfach zu beantworten. Das erfordert großes Verantwortungsgefühl und ein hohes Maß an Geschicklichkeit.

Vertrauen ist, bei Menschen und vor allem auch bei Unternehmern essenziell, um „ans Werk zu gehen“, zu investieren, etc. Wenn das Vertrauen einmal verloren ist…

… dann ist es sehr sehr schwierig, es wieder zurück zu bekommen.

Sie haben Europa in so gut wie allen Extremsituationen der jüngeren Geschichte live miterlebt: im nationalistischen Chaos, im großen Krieg, in Trümmern und im steten institutionellen Zusammenwachsen nach 1945. Bisher ist Europa an diesen Krisen immer gewachsen, hat nach den Trümmern ein Wirtschaftswunder erlebt. Ist diese Krise anders? Werden wir verlieren?

Das ist eine schwierige Frage. Früher gab es auch sehr große Schwierigkeiten, denken Sie nur an die Jahrzehnte des Kalten Krieges mit brandgefährlichen Konflikten. Jetzt gibt es keinen Kalten Krieg mehr, aber andere Konfrontationslinien. Österreich ist nicht dadurch bedroht, dass die sowjetische oder russische Armee kommt, sondern dass kurzsichtige, nur auf ihre eigene Tasche bedachte Leute die Schlüsselpositionen der österreichischen Wirtschaft verscherbeln. Wenn sie an die Telekom denken oder daran, was morgen mit der OMV passieren kann. Das sind unglaubliche und entscheidende Dinge.

Europa verliert wirtschaftlich an Boden – gegenüber Asien, Indien, China. Ist das, weil wir zu träge geworden sind, uns überregulieren und damit im Begriff sind, Schlüsselindustrien aus Europa zu vertreiben? Oder sind wir der Welt voraus, was Regulierungen, Umweltschutz, Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft, etc. betrifft?

Das ist sehr schwer zu sagen. Es hängt vom Vergleich ab. Vergleichen wir uns mit anderen Staaten oder mit der Vergangenheit oder mit den Möglichkeiten? Schauen Sie sich doch die Emerging Markets an, Indien, Brasilien, Russland, China. Wenn man bedenkt, wie die wirklichen Machtverhältnisse in diesen Ländern sind, wird es schwierig. China ist die zweitgrößte Wirtschaft der Welt und dort verschwindet ein Multimillionär und dann ein anderer. Was ist mit denen passiert? Das ist unfassbar. Oder Indien. Indien ist die größte Demokratie der Welt. Aber sehen Sie, wie sie die Frauen behandeln. Die werden am laufenden Band vergewaltigt und nichts passiert. Es kommt darauf an, was verglichen wird und wie.

Die Krisen passieren parallel und die Zusammenhänge sind so vielschichtig, wie kompliziert. Kann man noch Entwicklungen voraussagen?

Nein, man kann nichts mehr voraussagen. Das alles zeigt, dass wir in einer Zeit der beispiellosen Kakophonie – auf Deutsch – des Wirrwarrs leben. Da eine Richtung zu finden, verlangt bei den Politikern einen starken Charakter und große Fähigkeiten.

Osteuropa, etwa Ungarn und Polen profitieren enorm von der EU, zeigen sich aber etwa in der aktuellen Flüchtlingskrise, die in erster Linie Österreich, Deutschland und Schweden belastet, enorm antisolidarisch. War das vorauszusehen?

Nein, das war überhaupt nicht vorauszusehen. Niemand konnte das. Da spielen die Traditionen, die nicht aufgearbeitete Vergangenheit, die fehlenden Werte, die Erbschaft des Hasses, Neid, etc. eine große Rolle.

In Ihrem Vortrag im Rahmen der Bildungswoche der Zimmerer in Alpbach erwähnten Sie Karl Popper oder Ralf Dahrendorf, die nach der Epochenwende 1989 sagten, es brauche 50 bis 60 Jahre bis sich die Gesellschaft in den Ländern des ehemaligen Ostblocks geändert bzw. bis sie die Vergangenheit bewältigt habe.

Unterdrückung kreiert nicht automatisch gute Leute, die sich dagegen auflehnen. Sie alle betrachten sich als Opfer – die Slowaken, die Polen, die Ungarn. Da wird alle Schuld auf die anderen geschoben. Sie haben nichts aufgearbeitet. Weder die  braune Diktatur noch die kommunistische. Auch in Österreich dauerte es Jahrzehnte, bis man sich von der Opferthese verabschiedet hat.

Darf man im Zusammenhang mit der Flüchtlingssituation noch mit Solidarität der östlichen EU-Mitgliedsländer rechnen?

Nein. Ich glaube, man kann mit nichts rechnen. Sie werden niemanden aufnehmen. Diese Länder haben nur sich selbst demaskiert. Leider.

Wird es dort wieder Revolutionen geben?

Nein. In Ungarn gibt es kaum Widerstand, in der Slowakei macht eine so genannte linke Führung genau die gleiche Politik. Nein, das kommt wohl nicht.

Wie schätzen Sie Polen ein?

Das ist eine unglaubliche Geschichte, weil Polen das erfolgreichste Land war, ein Beispiel dafür, was man machen kann. Erst waren sie abgehoben, dann gab es Skandale und wahrscheinlich wollten die Wähler nur eine Mahnung erteilen, nicht aber, dass das alles vernichtet wird. Polen zeigt, dass nicht einmal eine erfolgreiche Wirtschaft so eine eklatante Fehlentwicklung verhindern kann. Es ist schrecklich und gibt Grund für Pessimismus.

Trotz allem ist die Geschichte der EU eine Erfolgsgeschichte – für alle Mitglieder. Warum zählt das nicht?

Alles, was die neuen EU Mitglieder kassiert haben –Polen kriegt aus der EU Kasse jährlich zum Beispiel 14 Milliarden Euro oder 3,5 Prozent des Bruttosozialproduktes, Ungarn sogar 5,6 Prozent –nehmen sie zur Kenntnis. Und für alle ungelösten Wirtschafts- und Sozialprobleme  verwenden sie die EU als Sündenbock – als Blitzableiter, als Symbol des Kapitals, der entfremdeten Eliten, der Kosmopoliten. Das gilt sowohl für die Rechte, wie auch für die Linke und für die unfähigen Leute. Trotzdem war die EU bisher das wichtigste und erfolgreichste Experiment. Da waren nach dem Zweiten Weltkrieg in den fünfziger und sechziger Jahren ganz großartige Leute am Werk. Das kann man nicht so einfach abschütteln.

Wurde die Erfolgsstory nicht richtig verkauft?

Es gibt da ein passendes Zitat von Friedrich Nietzsche: Nicht dann ist es schwierig, die Wahrheit zu sagen, wenn es gefährlich ist, sondern später, wenn es langweilig ist. Die EU ist langweilig. Wie sie diskutieren, darüber debattieren, was man verwenden darf, das scheint für die Durchschnittsbürger eine zu weit entfernte Geschichte zu sein. Und dann meint man noch, dass alles teurer geworden ist. Wenn sie aber übermorgen in den Urlaub fahren wollen und sie müssen Reisepässe zücken, Geld wechseln oder wenn die Studenten nicht mehr mit Erasmusstipendien überall studieren können, dann spüren sie, dass mehr dahinter steckt.

Wohin wird die Reise der EU gehen?

Man wird wohl zurückkehren zum Europa der zwei Geschwindigkeiten, zu einer Kernzone, etwa mit Deutschland, Benelux Staaten, Österreich, Holland, Frankreich, etc., wo noch wichtige Entscheidungen getroffen werden können.

Sind Sie trotz allem Optimist?

Ich? Nein, ich bin kein Optimist. Ich bin ein melancholischer Realist, so wie sich Golo Mann beschrieben hat.

2011 haben Sie gemeinsam mit Ihrer Frau den Nischen Verlag gegründet. In einem Interview meinten Sie, dass die von Ihnen verlegten Bücher helfen sollen, gegen Dummheit, Provinzialismus und Bosheit zu wirken. Sind das die drei Grundübel unserer oder vielmehr aller Zeiten?

André Kostolany, der Börsenspekulant, der mehr mit seinen Büchern verdient hat, als an der Börse, wurde einmal in Budapest interviewt und er sagte, er möchte auf den Barrikaden im Kampf gegen die Dummheit sterben. Das stimmt schon so.

 


Prof. Paul Lendvai (86) wurde 1929 in Budapest geboren und war journalistisch tätig, bevor er nach Verhaftung, Internierung und Berufsverbot sein Heimatland verließ. Seit 1957 lebt er in Österreich und seit 1959 ist er österreichischer Staatsbürger. Er war Leiter der Osteuropa-Redaktion des ORF, ist Kommentator, Moderator (etwa der Diskussionssendung „Europastudio“) sowie Publizist, gilt international als Kenner Ost- und Südosteuropas und wurde für seine journalistischen Leistungen mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Mehr unter www.lendvai.at.

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