Neue Fragen erfordern neue Antworten

Der Standort steht unter Druck. Und damit die heimischen Betriebe. Der Reformstillstand auf Bundesebene wird zu einer Belastung. Die Anforderungen an die Sozialpartnerschaft und die Interessenvertretung der Unternehmer im Speziellen steht vor neuen Herausforderungen. Das Präsidium der Wirtschaftskammer ist sich dieser Verantwortung bewusst und steckt die Eckpunkte für die zukünftige Strategie ab.

Österreich befindet sich im fünften Jahr der Stagnation. Wir kommen wir aus dieser Krise wieder heraus?

Jürgen Bodenseer: Sicher nicht mit dem derzeitigen Rezept auf Bundesebene: Stillstand. Die ganze Welt ist in Bewegung, also müssen wir auch unsere Rahmenbedingungen anpassen. Neue Fragestellungen erfordern neue Antworten. Die Wirtschaftskammer Tirol fängt damit bei sich selbst an: Das Budget wird auf dem Stand 2014 eingefroren; der Personalstand wird auf dem aktuellen Niveau gedeckelt; die Veranstaltungen werden um zwanzig Prozent reduziert. Wir wollen täglich besser werden – und dafür müssen wir uns laufend hinterfragen. Mit diesen und weiteren Maßnahmen können wir glaubhaft auch von der öffentlichen Hand verlangen, dass sie Einsparungen setzt. Wenn wir auf Probleme hinweisen, werden wir immer auch die Lösung dafür mitliefern – das macht es schwerer, Nein zu unseren Forderungen zu sagen.

“Die Welt ist in Bewegung – also müssen sich auch die Rahmenbedingungen bewegen.”
Jürgen Bodenseer

Was kommt im Bereich der Interessenpolitik auf die Wirtschaftskammer Tirol zu?

Martin Felder: Wir stehen im Spannungsfeld von EU-Regelungen, bundesgesetzlichen Rahmenbedingungen und landespolitischen Vorgaben. Auf Landesebene ist es gelungen, in den letzten Jahren spürbare Akzente zu setzen, Stichwort Spartengespräche. Hier werden wir einhaken und vertiefen. Bereits in Umsetzung sind regelmäßige Gespräche mit den Abgeordneten aller Fraktionen zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Auch auf Beamtenebene werden wir die Kontakte intensivieren und in modernen Kommunikationsformaten den Dialog führen.

Ein Großteil der Gesetze und Verordnungen kommt von der Bundesebene. Hat Tirol überhaupt genug Einfluss in Wien?

Martina Entner: Auf jeden Fall. Der intensive Widerstand der Touristiker inklusive Großdemonstration hat eine Reihe von Verbesserungen bei der Steuerreform gebracht. Wir werden auch in Zukunft Zähne und Klauen zeigen, wo es nötig ist und vor ungewöhnlichen Schritten nicht zurückschrecken. Im Tourismus und auch in den anderen Branchen.

“Wo es nötig ist, werden wir mit unserer Interessenpolitik auch völlig neue Wege gehen.”
Martina Entner

Viele Themen werden auf EU-Ebene entschieden. Gibt es hier neue Strategien?

Oswald Mayr: Ja, wir sind gerade dabei, eine Art “Schnelle Eingreiftruppe” mit klaren Aufgaben und Verantwortlichkeiten zu installieren, die bei Auftauchen relevanter Themen die Tiroler Interessen in der Bundeskammer und auch direkt vor Ort in Brüssel einbringen wird. Wir schaffen dafür keine neuen Strukturen, sondern nutzen flexibel die bestehenden personellen Ressourcen. Das Thema Allergenkennzeichnung hat gezeigt, dass Österreich hier viel zu spät eingebunden war und die wesentlichen Entscheidungen schon gefallen waren. Wir wollen in Zukunft ganz am Anfang dabei sein. Das erhöht die Chancen wesentlich, unsere Standpunkte einbringen zu können.

Welche Rolle sollen in Zukunft die Funktionäre spielen?

Barbara Thaler: Eine große! Sie bringen unternehmerische Kompetenz mit – das ergänzt sich bestens mit dem fachlichen Wissen der Mitarbeiter. Wir sind mit unserem System ganz nahe an den Betrieben. Deswegen wird die Zusammenarbeit der Funktionäre gestärkt und ihre Kompetenzen erweitert. Wir haben mit unseren Funktionären in allen Branchen viel PS, die wir auf die Straße bringen wollen. Dafür werden wir sie entsprechend fordern und fördern. Die Wirtschaftskammer ist eine Unternehmerorganisation, die von Unternehmern geprägt ist und selbst nach unternehmerischen Grundsätzen organisiert ist.

“Mit unseren Funktionären haben wir in allen Branchen viele PS, die wir stärker auf die Straße bringen werden.”
Barbara Thaler

Was werden die Mitglieder von all diesen Maßnahmen spüren?

Barbara Thaler: Zuallererst eine noch schärfere Vertretung ihrer Interessen. Und sie werden davon auch direkter informiert als bisher. Neue Zeiten erfordern eine neue Kommunikation. Bereits im Herbst wird eine komplett neu gestaltete Website für Wirtschaftsnachrichten und Wirtschaftsinformationen in Tirol online gehen. Auch in den Sozialen Medien werden wir aktiver auftreten als bisher.

Was können sich die Tiroler Unternehmer im Bereich Service erwarten?

Mayr: Im Gespräch mit vielen Betrieben bemerke ich oft positives Erstaunen, wenn sie sich mit den Leistungen der WK befassen. Viele Angebote sind einfach zu wenig bekannt. Wir wollen mehr Übersichtlichkeit und Transparenz in unsere Servicepalette bringen und unseren Mitgliedern einen Produktkatalog bieten. Gleichzeitig evaluieren wir alle Angebote auf Kundennutzen und Effizienz. Bei ausgewählten Leistungen wird es neben der Beratung auch eine Begleitung geben. Die erste Umsetzung dazu findet im Gründerservice statt.

“Wir wollen in Zukunft bei Entscheidungen in Brüssel ganz am Anfang dabei sein.”
Oswald Mayr

Einer der wesentlichen Faktoren für den Standort ist die Bildungslandschaft – Stichwort Fachkräfte. Mit dem WIFI verfügt die WK über das erfolgreichste Institut in der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Welche Akzente sind hier geplant?

Martin Felder: Das WIFI wird den Betrieben einen einfachen Selbstcheck zu Thema Bildung und Weiterbildung kostenlos zu Verfügung stellen. Die Unternehmen erhalten Unterstützung bei der Personalentwicklung und der Trainerauswahl. Für die Bezirke werden eigene, maßgeschneiderte Bildungsstrategien erarbeitet. Auch werden Duale Bildungswege nach der Matura ausgebaut und beworben. Wir leben in einer Wissensgesellschaft – das bedeutet für die Unternehmer einerseits eine große Chance, andererseits auch eine hohe Verantwortung. Das WIFI wird ihnen dabei mit Rat und Tat zur Seite stehen.

“Auch die Bildungswelt ist im Umbruch – das WIFI setzt mit innovativen Angeboten neue Maßstäbe.”
Martin Felder

Abschließend noch ein Wort zur Sozialpartnerschaft: Ist diese noch zeitgemäß?

Jürgen Bodenseer: Ja, wenn auch sie mit der Zeit geht und sich wandelt. Die fetten Jahre, in denen es um gegenseitige Zugeständnisse und den Ausbau des Sozialstaates ging, sind vorbei. Nun zählen ausschließlich die Sicherung des Standortes, seiner Betriebe – und damit der Arbeitsplätze. Wir müssen zuerst etwas erwirtschaften, um dies dann verteilen zu können. Diesen Wandel hat die Arbeitnehmerseite noch nicht verinnerlicht.

 

Das Präsidium der Wirtschaftskammer Tirol
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